Platz #111 Aconcagua erreicht! 

[26.01.2014 | Argentinien | 3 Kommentare]

Aconcagua. 6962 Meter hohes Bürokratiemonster. Der Besuch erfordert ein Permit, ausschließlich in Mendoza zu erwerben. Tatort Av. San Martin Nr. 1182, 2. Stock, Aconcagua Nationalpark Verwaltung. Zuerst ein Onlineformular ausfüllen. Name, Geburtsdatum, vollständige Adresse, Mobil- und Telefonnummer, Passnummer, E-Mailadresse, Geschlecht, Blutgruppe. Dann gewünschte Tour bzw. "Tarif" auswählen (Telekom und Deutsche Bahn waren wohl beratend tätig): Aufstieg Route A oder B, 1, 3 oder 7 Tage Trekking, Halbtagesausflug, mit Agentur (nur Lizensierte! List beachten!) oder ohne, Argentinier, Lateinamerikaner oder sonstiger Ausländer, ggf. geplante Aufstiegsroute (sehr schön als "upgrade path" bezeichnet!), Anzahl der Expeditionsmitglieder, Guide (aus Liste auswählen, nur Lizensiert!), Name des Expeditionsleiters, ggf. andere Tour Anbieter, Notfallkontakt, Versicherung inkl. Details, medizinische Daten (lange Liste), ggf. GPS Trackingsystem inkl. Zugangsdaten. Für mich 3 Tage Trekking, Hochsaison, sonstiger Ausländer, kein Tour Anbieter, keine Guide, allein, im Notfall Mama anrufen, gesund - bis auf Brille (ja, muss man angeben). Vom Computer zum Menschen wechseln. Mensch eins scheitert an meinem Namen, findet meinen Antrag nicht - Sonderzeichen sind etwas Hässliches. Schließlich wird der Antrag gefunden, Angaben mit Pass abgeglichen, ausgedruckt. Unter kontrollierenden Blicken darf ich die drei Seiten aufmerksam lesen (formuliert wie eine Lizenzvereinbarung - unverständlich) und unterschreiben. Nach Anweisung des Herrn das Gebäude verlassen, einen halben Block weiter in einem schmuddeligen Kiosk den Antrag plus ein Bündel Scheine an Mensch zwei reichen. Der Scannt einen Barcode, vergleicht Ausdruck und Bildschirm, zählt das Bündel (dreimal), prüft zwei Scheine genauer, druckt eine Quittung, tackert die an den Antrag, Stempelt beides, unterschreibt irgendwas und entlässt mich. Zurück zum Büro. Den nun bestempelten Antrag und den Reisepass an Mensch drei übergeben, nicht bevor Mensch eins freundlich weiterverwiesen hat. Angaben auf Pass und Antrag werden geprüft, Übereinstimmungen mit gelbem Signalmarker angestrichen und mit Häkchen versehen. Ist der Antrag gelb genug folgen drei Unterschriften und die Blätter werden ohne Umweg direkt [sic!] an Mensch vier geleitet. Barcodescanner piepsen, vergleichende Blicke zwischen Papier und Bildschirm, ein bisschen Tastaturklappern, ein wenig Mausklicken, anerkennendes Nicken, die drei Seiten Antrag verschwinden in drei unterschiedlichen Schubladen. Ein Drucker rattert. Das Druckergebnis - das Permit - geht an Mensch fünf. Ausweis und Permit nochmal überprüfen, Passnummer und Name gelb markieren, das neue Dokument dreimal unterschreiben, dreimal stempeln. Am Parkeingang (ich greife vor) werden Ticket und Pass von Mensch sechs verglichen, einige Angaben in ein Buch übertragen, eine Nummer drei mal auf dem Ticket, in einem Buch und auf einer Plastiktüte vermerkt, drei mal knallt ein Stempel, dreimal folgt eine Unterschrift, das obere Ticketdrittel in einer Schublade verstaut. Die übliche Belehrung (Wege nicht verlassen! kein Feuer! kein wildes Campen! nicht in die Bäche kacken! Strafandrohung!) und einige weitere eindringliche Hinweise folgen. Der benummerte Plastikbeutel ist der persönlich zugewiesene Müllbeutel der unbedingt (Strafandrohung!) und keinesfalls leer (Strafandrohung!) beim verlassen des Parks abzugeben sei, der Besuch bei den Lagerärzten zwingend erforderlich (Strafandrohung!) und auf den Tickets zu bestätigen (Strafandrohung!) sei, genauso die ordnungsgemäße Benutzung (Strafandrohung!) der zur Verfügung gestellten Toiletten einschließlich Bestätigung (Strafandrohung!) auf dem Ticket und dass ich mit meinem Permit unter absolut keinen Umständen eine Höhe von maximal 4.300 Metern überschreiten (Strafanachleckmich!) dürfe!
Ich wollte doch nur wandern gehen!
Müßig zu erwähnen das Mensch sieben im ersten Lager zwar noch mal Pass und Permit vergleicht aber kein Arzt mich untersucht oder meinen ordnungsgemäßen Stuhlgang bestätigt, keiner meine maximal erreichte Höhe kontrolliert und der Müllbeutel am Ende sang-, klang- und kontrolllos im Container verschwindet.

 

Per Bus - ich fahre die selbe Strecke ein paar Tag später mit dem Rad - von Mendoza (800m) zum Parkeingang (2850m), zu Fuß weiter bis Camp I, Confluenzia (3400m). Aufstieg zu schnell. Die ungewohnt dünne Luft fordert Tribut, ich bezahle umgehend mit 12 Stunden traumlos tiefem Schlaf. Auch morgens schlaff, matt, müde. Doch Zeit ist hier leider Geld, mein drei Tage Permit kostete 125,- €, verlängern im Park ausgeschlossen. Und zumindest die Südwand, die will ich sehen. Erstaunlich, einmal den müden Körper auf den Weg gezwungen, fällt alle Trägheit ab, gehorcht der Körper gewohnt, folgen die Beine willig dem Pfad. Der schlängelt sich durch eine unwirkliche, unwirtliche Landschaft mit faszinierender Weitsicht und Tiefenschärfe, mit endlos neuen Steinformationen und Farbkombinationen, mit stechendem Himmelblau und gleißendem Gipfelweiß. Am Plaza Francia (4250m) endet der Pfad an den knapp 3000 imposanten Aconcagua Südwandmetern. 4 Kilometer Luftlinie bis zum Gipfel - so unendlich weit weg. Ich sitze lange, starre in die Wand, suche Linien, erliege wilden Besteigungsfantasien und weiß doch dass diese Wand von mir unberührt bleiben wird. Aber der Gipfel, der Gipfel! Klang vor ein paar Tagen die Entscheidung den Aufstieg auf "irgendwann mal" zu verschieben noch vollkommen vernünftig, logisch und rational (Geld! Zeit! Ausrüstung!) so schlägt Herz und Sehnsucht jetzt umso erbarmungsloser zu, lässt mich mit einem gehässigen "ich hab's ja gleich gesagt" einsam am Fuß der Wand sitzen. Irgendwann lärmt mich ein Grüppchen aus den Träumen. Chris, Andy und Jon absolvieren heute eine Akklimatisationstour, auf den Gipfel in den nächsten Tagen. Sie erzählen von vergangenen Touren, spekulieren über zukünftige und schwärmen von der aktuellen. Ihre Realität hetzt meine Sehnsucht wie ein aufgescheuchtes Reh vor sich her bis es weh tut. Ich murmle ein "ciao", drehe Gruppe und Berg den Rücken zu, laufe - nein renne los, möchte flüchten, der Sehnsucht davon sprinten. Das funktioniert nicht eine Minute, schon hat mich die Landschaft wieder eingefangen, bestaune ich meine Umgebung, freue mich ungemein heute hier und ganz "da" zu sein, sauge tief die klare Luft in mich hinein, genieße jeden einzelnen Schritt und weiß ganz sicher, ich werde zurückkommen und oben stehen. Ganz oben und runter schauen, dahin wo ich heute stand.


Heinrich meint: "Kopfweh! Ich hab Kopfweh und nicht mal gesoffen! Boah ist das hoch! Da kann Stefan aber mal schön ganz alleine hoch wenn er denn unbedingt will. Für so einen Elch ist das nix. Da wart ich lieber unten in Mendoza und erkunde ein paar Weinkeller oder besuche die Damen auf den umliegenden Alpakafarmen... Und er braucht gar nicht meinen dass er mit mir die Kohle für nen Packesel sparen könnte! Hallo, geht's noch, was denkt der sich wer ich bin?!?"

 

Kitesurfen Recycling war gestern! Goldberg Park des Studieren und der Reflexion Bergstiefel Zum Brückenbauen Steinformationen Einsames Tal faszinierende Brücke der Inkas Tourimarkt Dragon Parkeingang Laguna Espejo heisst Spiegelsee Bußgeld 30 Euro Gepäckservice Camp I Confluenzia tolle Felszeichnungen Der coolste Knipser noch ein bisschen Grüngelb Steinwüste Felsformationen I Felsformationen II Felsformationen III Auf dem Weg Die Südwand Endpunkt Plaza Francia einsam nicht billig

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