Weihnachtsshopping in Temuco 

Zum Weihnachtseinkauf nach Temuco. Ein ganz praktisches, nützliches Geschenk soll es werden, ein neuer Kocher muss her. Gut drei Stunden braucht der Bus vom Nest Lonquimay zur Großstadt Temuco. Unterwegs wird eingesammelt wer winkt und aussteigen darf wer's sagt, wo auch immer. Ob unscheinbare Schottereinfahrt mitten im Nirgendwo oder Standstreifen auf der Autobahn, Haltestellen sind nur zufällig auftretende Statisten. Obwohl hoffnungslos überfüllt bleibt jeder entspannt, jeder freundlich, jeder hilfsbereit, das Baby schon mal liebevoll zum Ausgang vor gereicht während sich tütenbeladen, dankbar lächelnd die Mutter hinterher schiebt.

 

Zwei brauchbare Outdoorläden gibt es in Temuco, praktischerweise direkt nebeneinander, ärgerlicherweise in einer Shoppingmall nach amerikanischem Vorbild. "Portal Temuco" der klangvolle Titel des dreigeschossigen Konsumtempels. Innen die übliche Melange aus aus kleinen und größeren Shops üblicher Couleur, Schuhe, Kleidung, Spielwaren, Elektronik, etc. pp., ein großer Supermark, ein Schreibwaren- und ein Buchhändler. Aufgelockert durch Cafés und Bistros, mal rustikal hölzern, mal modern metallisch, je nach Zielgruppe. "Credit Cards welcome" Aufkleber überall, der nächste Geldautomat immer in Sichtweite, der konsumberauschte Junkie soll möglichst unterbrechungsfrei gemolken werden.
In der Mitte ragt in geschmückter Baum biblischen Ausmaßes gen Himmel, neckische Krippeninstallationen auf jeder Etage, "Feliz Navidad" (frohe Weihnachten) allerorten, "stille Nacht" als Panflöteninterpretation, mehrere Glöckchen schwingende Weihnachtsmänner, das ein oder andere goldene Engelchen; Hier wird mit dem Vorschlaghammer an das bevorstehende Hohe Fest des Kapitalis.. - äh Christentums erinnert. Subtil geht anderes.
Geschickt ganz oben platziert, so ein Marsch zum Gipfel macht hungrig, der Freßtempelbereich. Alle "Großen" sind hier vertreten: die goldenen Bögen, frittiertes Federvieh aus Kentucky, Teigringe in orange-pink, das Schweizer Vogelnest - hier mit einer Eisbar vertreten, die züchtig verhüllte grüne Kaffeesirene… und, wie viele hast Du erkannt? Die Tische an den Panoramafenstern bieten zumindest noch eine irgendwie interessante Aussicht - auch wenn das meiste grauer Beton ist - doch am dichtesten besetzt sind die Tische nah an den Trögen, den Ausgabestellen. Es wird hastig gestopft - fast food eben. Freßkomatös trottet das Konsumvieh dann langsam nach unten, nicht ohne durch die geschickte Architektur noch mal durch die halbe Mall geführt zu werden. Man könnte ja irgendwas vergessen, einer Werbung nicht erlegen oder gar ein ganz besonderes Angebot übersehen haben...


Hier hilft eigentlich nur Guerillataktik. Rein, Beute sichern, Raus, schnell, Verluste gering halten. Der Schlachtplan hängt etwas versteckt rechts am Eingang, Shops und Fluchtwege fein säuberlich verzeichnet. Eine Marschroute zügig ausgearbeitet: via Rolltreppe beim dritten Schuhgeschäft in die zweite Etage, am Dessous Geschäft links abbiegen und nicht zu lang gucken, vier Shops weiter sollte das Ziel erreicht sein. Rückzug dann über den näherliegenden Nordausgang. Der Vorstoß gelingt, der neue Kocher verstaut, warme Mahlzeiten gesichert. Doch das Rückzugsgefecht geht verloren bevor es begonnen hat. Das Bistro "Cassis" lockt mit einer professionellen Kaffeemaschine, schmackhaft präsentierten Torten und gemütlich aussehenden Stühlen. Zielgruppe anvisiert, Treffer, versenkt. Zwei erstaunlich gute Cappuccinos (wichtig: Variante "international", die ohne zwei Pfund süßer Sprühsahne oben drauf) später wage ich doch noch einen kompletten Rundgang, flüchte nach gut 15 Minuten aber endgültig.

 

Deutlich ruhiger, unaufdringlicher und übersichtlicher geht es im - leider zu kleinen - "Museo Regional de la Auraucania" zu. Insbesondere über Geschichte und Kultur der Mapuche wird informiert, archäologische Funde und historische Aufzeichnungen angenehm modern präsentiert. Die Mapuche waren äußerst wehrhaft  und haben sich über 300 Jahre erbittert gegen die Kolonialisierung gewehrt. Einen Ihrer Peiniger, Pedro de Valdivia, haben sie angeblich gezwungen flüssiges Gold zu trinken. Leider nicht bewiesen, aber eine äußerst passende Hinrichtungsart für einen goldgierigen Konquistador im 16. Jahrhundert.

 

Museumskühle gegen Mittagshitze tauschen. Am zentrale Plaza Anibal Pinto liegt man im Palmenschatten, steht an für ein Eis, sitzt für ein Schwätzchen auf der Bank. Der Schuhputzer lächelt freundlich, lächelt dann schnell zum nächsten, ich trage Sandalen. Hier am Plaza steht - wie üblich - eine Kathedrale, deren Glockenturm - eher unüblich - als Büroturm ausgebaut wurde. Ob die darin untergebrachte Regionalverwaltung bei Geläut Zwangspausen einlegt war auf die schnelle nicht in Erfahrung zu bringen.

 

Zurück im Bus. Das gleiche Spiel wie morgens, aufladen nach Handzeichen, ausladen nach Absprache. Ich beschaue die vorbeirauschende Landschaft, versinke in Gedanken, unterhalte mich gebrochen mit meiner Sitznachbarnin. Gegen Ende wird der Bus leerer, die Gespräche leiser, die Musik lauter. Fahrer und Gehilfe summen anfangs leise mit, werden Lied für Lied mutiger bis sie irgendwann Text- und Melodiesicher jeden Refrain der Schlager mitsingen. Wieherndes Gelächter der beiden als ich mittendrin in ihren Singsang einstimme und - auf Deutsch zur spanischen Interpretation - schmettere: "völlig losgelöööst von der Eeeerde schwebt das Rauuuumschiff..."

Selbstverständlich macht das Raumschiff ein wenig später auch für mich einen extra Halt und ich darf an meiner Hosteltür aussteigen. Das "Terminal" wäre ja auch unzumutbare 138m entfernt gewesen.

 

Heinrich meint: "Elch sei Dank hab ich mein prächtig-mächtiges Geweih nicht durch die Bustür bekommen. So ist mir das Leid erspart geblieben und ich womöglich hätte ich nie diese Alpakafarm am Ortsrand entdeckt.... Eieiei, lauter wollig-wuschelige Alpakadamen! Da könnte Elch sich glatt verlieben und bleiben wollen... hoffentlich will Stefan nicht so bald weiter!!!"

4 Kommentare 

 
 

Christian

Hallo Stefan,

erarten: Alle bis auf das "Schweizer Vogelnest“. Was ist das?

Und auch interessant. Was ist mit dem alten Kocher und welcher ist der neue?

Gute Fahrt, Christian

21.12.2013 12:25:54
 
showmetheworld

showmetheworld

Hi Christian,
schweizer Vogelnest = Nestlé :)

Beim alten Kocher: Pumpe halb defekt / nicht mehr zuverlässig und ich bekomm keine neue (weder in Chile noch in Argentinien) und nicht reparabel, sowie Zuleitung ständig verstopft / verdreckt, trotz mehrfacher intensivreinigung mit allen tricks nicht in den griff bekommen.

Wurde dann ein MSR XKG EX...

Mitgliederseite | 26.12.2013 15:33:56
 
 

alexandros

Du kochst noch... klasse. Mein Trangia ist in Bangladesch geblieben. Mal schauen, wann ich den abholen werde, haha.
Schön wieder von dir zu lesen. Deine Schreibe ist unterhaltsam, informierend und nicht ermüdend.

Weiter so, bis bald eventuell...

Alexandros, aus Berlin (gerade noch... schon wieder mit Reiseplanung im Kopf)

30.12.2013 02:54:45
 
 

Beiboot

Hej Stefan,

bin gerade aus dem Weihnachts-/Silvesterurlaub zurück und habe - mal wieder - mit Vergnügen von Deinen Abenteuern gelesen. Ich hoffe, es gab auch noch ein Geburtstagsgeschenk? Nachträglich wünsche ich Dir alles Gute! Bleib gesund und munter und genieß Deine Reise!

Liebe Grüße aus Schweden

Mitgliederseite | 07.01.2014 21:08:49

 

 
 

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