Kanufahren im Rogen 

[Fotos teilweise: Martin Böhm / fairoutdoor.de | Text / Fotos: Stefan Böhm]


2003 starteten Thomas, Martin und ich zu einer Kanu Tour im Rogen Gebiet im Herzen Schwedens. In Käringsjön, einem Aussiedlerhof kurz vor dem Rogen Nationalpark, mieten wir uns ein Kanu und ein Kajak. Voll beladen geht es bei Nieselregen hinaus auf den ersten See. Noch ein bisschen unsicher am Paddel setzten wir über den kleinen See an dessen Ende uns die erste von einigen Übertragestellen erwartet. Im Kanu hat man den Vorteil dass man nicht unbedingt auf jedes Kilo Gepäck achten muss und man auch gerne ein bisschen mehr mitnimmt um sich den Wildnis Aufenthalt bequem zu gestalten. Leider fordern die Portagen dann etwas mehr Schweiß, aber was tut man nicht alles um abends ein leckeres frisches Abendessen zu haben und nicht immer nur die gefriergetrocknete Expeditionsnahrung…?
Nach 3 kurzen Portagen errichten wir unser Zelt an einem kleinen namenlosen See in der Wildnis. Mit Kaffee, Spaghetti und zum Nachtisch ein bisschen Tee mit Rum beenden wir früh den ersten Tag auf dem Wasser und verkriechen uns in die Schlafsäcke.


Weiter geht es über viele kleine Seen und weitere, teils kurze, teils längere Portagen bis wir gegen Abend über eine recht lange Portage endlich in den Rogen übersetzten. Direkt am Ende der Portage erwartet uns ein herrlicher Lagerplatz mit Sandstrand, Sitzgelegenheit und Feuerstelle. Leider hat Thomas heute kein Angelglück und so beschränkt sich die geplante Forelle Müllerin auf die Müllerin und wir backen Kartoffeln im Lagerfeuer. Holz findet sich in der näheren Umgebung genug, so dass wir noch lange am Lagerfeuer sitzen, die Ruhe die frische Luft und die faszinierende Nacht genießen.

Spät erst starten wir, bei zum Teil starken Böen paddeln wir über den Rogen in Richtung nördliches Ende des Sees. Immer wieder bläst uns der Wind fast rückwärts über den See. Trotzdem macht es Spaß das Paddel gleichmäßig und kräftig durch das glasklare Wasser zu ziehen und die Landschaft wie in einer einzigen großen Panoramaaufnahme langsaman sich vorbei ziehen zu sehen.

Wir erreichen das Ende des Sees und setzten unsere Wassergefährt ein paar Meter weiter in einen kleineren See ein, an dessen Ufer eine absolut malerische kleine Hütte liegt, die uns in den nächsten Tagen als Basislager für kleinere Touren zu Fuß dienen soll.
Mittlerweile verwöhnt uns auch die Sonne mit Ihren strahlen, wir kochen Kaffee, werfen die Angel aus und gehen mit der Kamera auf Jagd.

 


Am nächsten Tag richten wir uns häuslich ein, eine vernünftige Feuerstelle wird gebaut, das Tarp als Wind und Sonnenschutz aufgestellt und ein ordentlicher Holzvorrat angelegt. Beim Holzhacken passiert es! Plötzlich taumelt Martin rückwärts und hält sich die Nase, Blut quillt unter den Fingern hervor. Thomas stürzt in die Hütte, kommt wenige Sekunden später mit unserem Notfallkit wieder heraus gestürmt, ich hab bereits das GPS eingeschaltet und peile das nächste Nottelefon an. Nach einigen Schrecksekunden wird aber klar, das Martin Glück im Unglück hatte. Ein Holzstück hat ihn zwar voll auf die Nase getroffen und dort einen tiefen Schnitt hinterlassen, aber die Nase ist nicht gebrochen und auch keine weiteren Körperteile getroffen. Nicht auszudenken wenn ein Splitter sein Auge getroffen hätte! Seit dem hält sich Martin beim Holzhacken vornehm zurück und entschuldigt sich mit einer akuten Holzallergie. Verständlich. Statt Holzhacken kümmert sich Martin dann doch lieber um die Äsche die Thomas vorhin aus dem See gezogen hat. In Alufolie gewickelt und mit Draht zwischen einer Astgabelt befestigt brutzelt das gute Stück nun auf dem offenen Feuer. Ein herrlicher Duft liegt in der Luft und lässt uns das Wasser im Mund zusammen laufen. Der wohl beste Fisch den ich je essen durfte!

 

Bei einem Verdauungsspaziergang läuft mir eines der seltenen völlig weißen Rentier über den Weg. Bis auf wenige Meter lässt mich das Tier an sich heran! Fasziniert beobachte ich das Tier, es stellt sich für ein Foto in Pose und ist dann schneller verschwunden als es aufgetaucht ist. Eine fast schon Mystische Begegnung.


Am Morgen sind wir dann früh aufgestanden, Martin geht es bis auf ein leichtes Schädelbrummen gut und wir entschließen uns zu einer Wanderung auf einen naheliegenden Berg. Quer durchs Unterholz schlagen wir uns in Richtung Gipfle, uns erwartet eine schier Unglaubliche Aussicht über die Seenlandschaft. Über Stock und Stein geht es wieder bergab in Richtung unserer kleinen Hütte.
Mithilfe eines großen Topfes improvisieren wir einen Backofen und backen frisches Brot. Eine Suppe vorweg, einen Tee mit Rum danach und fertig ist das fünf Sterne Wildnis Menü „deluxe“. Müde steigen wir in unserer Betten, morgen möchten wir früh raus und wieder weiterpaddeln.

Morgens wecken uns Regentropfen die an das Fenster klopfen… Nein, keiner von uns hat große Lust auf zu stehen, alles zu packen und durch den Regen zu paddeln. Lieber bleiben wir noch ein bisschen liegen, frühstücken gemütlich und schon sieht die Welt wieder besser aus. Wir entschließen uns zu einem kleinen Ausflug zu einer Hütte weiter südlich. Tief versteckt liegt sie irgendwo im Wald, beinahe Märchenhaft. Den ganzen Tag ist es


feucht, trotzdem halten wir uns fast die ganze Zeit draußen auf. Jedes Wetter ist schön. Zumindest mit der richtigen Kleidung.

Auf dem Rückweg sammeln wir einen Topf voll Heidelbeeren, das geht hier so „nebenbei“, überall wachsen die leckeren Beeren in Hülle und Fülle! Frische Heidelbeer-Bannocks (eine Art Stockbrot aus der Pfanne), dazu mal wieder Kaffee und Tee mit Rum, ein – trotz des Regenwetters – schöner Tag neigt sich dem Ende.

Sonne! Früh schon wachen wir auf, die Sonne scheint in die Hütte und bei warmen Temperaturen packen wir die Boote. Im T-Shirt paddeln wir gemütlich über den See. Auf einer Halbinsel schlagen wir unser Lager auf und genießen den herrlichen Sonnenuntergang der sich hier im Norden über Stunden hinzieht.
Nur ein paar hundert Meter weiter schlagen wir am nächsten Tag unser Camp an einer kleinen, offenen Windschutzhütte auf. Hier treffen wir auf zwei Dänen auf Angel- und Männerurlaub. Schon morgens müssen wir einen kleinen Whiskey mit ihnen trinken…
Wir machen einen Ausflug an den Bredasjön, einen See oberhalb des Rogens. Abends sitzen wir mit den Dänen zusammen, unterhalten uns über Gott und die Welt und spielen eine Partie Schach.
Auch am nächsten Tag erkundigen wir die Umgebung zu Fuß, zu fasziniert sind wir von der verblockten Umgebung die vor Jahrtausenden von Gletschern aus der Landschaft gefräst wurde.

 

Bis zu einer kleinen Windschutzhütte am Südzipfel des Sees sind wir heute gepaddelt. Zügig bauen wir einen kleinen Ofen aus Steinen und Schlamm, zum einheizen holen wir noch Holz aus dem Wald.
Frischer Brotduft liegt in der Luft, als zwei Wanderer aus Würzburg in unserem Camp eintreffen. Sie sind schon seit Tagen unterwegs und haben in ihren Rucksäcken nur wenig Platz für Leckereien, sie schauen neidisch auf unsere reichhaltigen Vorräte…

Auch morgens Backen wir nochmal ein frisches Brot und paddeln dann in Richtung Rogenstugan. Unser eigentlich anvisierter Campplatz ist leider von einem etwas eigensinnigen Solopaddlers belegt, so schlagen wir uns lieber noch ein paar Meter weiter in die Büsche. An der Rogenstugan decken wir uns mit ein bisschen Schokolade und 3 kleinen Büchsen Bier ein und genießen das herrliche Naturschauspiel wenn die Sonne hinterm Horizont versinkt.


Der letzte Tag in der Wildnis bricht an und die längste Portage der Tour steht uns bevor. Durch ein Sumpfgebiet müssen wir unser Kanu und sämtliches Gepäck zerren. Bei jedem Schritt gibt der Boden etwas nach, viel der eingesetzten Kraft verpufft einfach so. Als wir unser letztes Camp aufschlagen sind wir völlig geschafft, der absolut Postkarten taugliche Sonnenuntergang und der aufsteigende Vollmond entschädigen für alle Strapazen.


Sehr früh schäle ich mich morgens aus dem Schlafsack, absolute Ruhe und dichter Nebel liegen über dem Land, völlig verzaubert stehe ich am Ufer und lasse die märchenhafte Landschaft auf mich wirken. Einen schöneren Abschluss für die Tour kann ich mir nicht vorstellen. Langsam frisst sich die Sonne durch den Nebel, der Tag erwacht. Wir schlagen uns die Bäuche mit den letzten Vorräten voll, heute kehren wir zurück in die Zivilisation.
Ein bisschen wehmütig geben wir unsere Kanus zurück und packen das Auto. Fasziniert machen wir es uns in den Autositzen bequem, wie der beste Sessel fühlt sich so ein Sitz nach zwei Wochen Leben auf dem Boden an…
Durch den Supermarkt laufen wir mit großen Augen, mit glitzern in den Augen stehen wir vor der Tiefkühltruhe. „Schau mal, Burgerfleisch, 80gr. die Bulette, lass uns heute Burger machen!“ „Spitzen Idee, aber nimm die Buletten hier: 100gr!“ „Nein, die hier, 120gr das Stück!!!“ 2 Packungen Fleisch, Brötchen und alles was man sonst noch für fettige, klebrige Hamburger so braucht packen wir in unseren Einkaufswagen. Für jeden planen wir 4 Burger a 120gr. Fleisch…
Wir schlagen unser Lager auf einem Campingplatz auf, Martin wird von den Besitzern wie ein alter Bekannter begrüßt, er hat schon öfter hier halt gemacht auf seinen Touren durch Schweden.
Wie die Kinder planschen wir unter der Dusche, warmes Wasser direkt aus der Wand! Faszinierend! Danach sitzen wir am Feuer, wir braten einen Hamburger nach dem anderen und können uns nach dem Essen nicht mehr bewegen. Faul liegen wir herum und beschäftigen uns ausschließlich mit unserer Verdauung.

Wir stehen früh auf, stopfen das Gepäck ins Auto. Abwechselnd schlafen, lenkend und navigierend fahren wir zurück in die Heimat. Von der Fahrt erschlagen kommen wir zuhause an und fallen zum ersten Mal nach 18 Tagen wieder in unsere Betten.

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Stationen der Tour 

Bilder 

auf dem See unterwegs

auf dem See unterwegs

Einsame Hütte am Rogen
eine neue Feuerstelle
seltenes weißes Ren
frische Heidelbeerpfannekuchen
Brot im selbstgebauten Backofen
herrlicher Sonnenuntergang
früh morgens

Übersichtskarte 

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